Die Route spuckt mir der Verkehrsverbund aus: Mit der Bahn nach Marl-Sinsen, von da mit der 223 zum Chemiepark. Ok.
Bin gespannt auf den Tag, der gute Ruf der Kantine hat mich schon erreicht, und ich soll ein "schwarzes Tablett" bekommen, die Lizenz zum Durchfuttern. Aber mit weiteren Details zum Job will ich keinen belästigen.
Der Weg ist der Weg. Mit der RE 2 fahre ich weiter, als je ein Mensch vorgedungen ist - so kommt es mir hinter Essen vor. Der Zug ist fast leer - zwei Mitarbeiterinnen im (offenbar) Einzelhandel belästigen alle hörenden Lebewesen mit peinlichen Details zu Chef und Kolleginnen - gähn. Aber auch mit weiteren Details zu den üblichen Mitfahren und der blonden Cellistin zwei Reihen weiter will ich keine Bytes verschwenden. Aber süß sieht sie aus.
Dann, nach Wanne-Eickel und Recklinghausen: Der Bahnhof Marl-Sinsen. Ich freu mich auf nen Kaffee. Ausstieg in Fahrtrichtung links - nach dem Öffnen der Tür sieht es aus wie in der Waschküche, nur nasser. "Bitte achten Sie auch auf die Lautsprecheransagen am Bahnsteig" - dazu müßte es hier erst mal Lautsprecher geben. Der Sprühregen wird durch einen moderaten Wind über den zweigleisigen Bahnsteig getrieben, ich folge ihm zum Abstieg auf die Ebene der Menschen, wie ich erwarte. Nichts, nur Autos rollen hier und da vorbei.
Bushaltestelle. Gegenüber ein Wohnsilo. Erster Eindruck: Städte mit starker Industrieansiedlung sehen halt so aus - nur daß normalerweise ein paar Farbspritzer dem Besucher klarmachen, daß es außer dem großen Arbeitgeber noch weiteres Leben gibt - hier Fehlanzeige. Vielleicht ist aber auch das Stadtwappen mittelgrau auf mittelhellgrauem Grund? Rostnasen das Wahrzeichen der Region?
Bus. Einsteigen. Fahrschein zeigen. Kein Gruß. Keine Regung des Fahrers. Grau auch die dominierende Farbe der Fahrgastbekleidung. Ist wer gestorben? Vielleicht alle? Losfahren.
Wenige Meter weit gekommen zeigt sich, daß es doch Leben hier geben könnte - ein riesiger Parkplatz, fast leer, als Pendant zu einem Vorgarten. Dahinter keine Wohnhäuser sondern die heilige Dreifaltigkeit: Aldi, Penny, Plus. Dazwischen eine sessil gewordene mobile Nahrungsquelle: "Nicoles Schlemmerstube". Auf der anderen Straßenseite ein Mensch - im Eingang des "Dursti-Shop". Prost Mahlzeit.
Der Bus spricht zu uns: "Nächste Haltestelle - Nonnenbusch". Mal davon abgesehen, daß ich noch nie einen Nonnenbusch gesehen habe und wohl nur einige wenige Klosterinsassen jemals dieses Privileg genießen durften - etwas ist seltsam, die Nackenhaare stellen sich auf. Keiner will zum oder weg vom Nonnenbusch, der Bus fährt durch. Die Wohnsilos weichen einer Altbausiedlung. Altbau ist schön. Nicht hier, man wünscht sich, die alliierten Bomber hätten etwas gründlicher gearbeitet. Dazwischen ein Pavillon, wie in den 70ern die Tankstellen aussahen - damals auch zuletzt gestrichen. "KIA Marl". Nur die Neuwagen deuten darauf hin, daß KIA hier nicht für "Killed in Apathy" steht. Die Ansage des Busses - "Nächste Haltestelle - Schubertstrasse". Das war es: Die Ansage!
Üblicherweise sind es freundliche Frauenstimmen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln abgespielt werden. Ein einfacher Trick aus der angewandten Verhaltenspsychologie, um die Zahl der Amokläufe ob verpaßter Anschlüsse und verlorener Stunden in stinkenden Bahnhöfen zu begrenzen. Hier nicht. Entfernt männlich im doppelten Sinne, testosteronarm, gedämpft, müde, hoffnungslos, der eigenen Existenz überdrüssig, grauer als die Wohnsilos ist diese Stimme. Wenn Zombies kommunizieren würden, das wäre die Stimme ihres Wickertulrichs. "Nächste Haltestelle - Gustav-Mahler-Strasse" entschuldigt sich die Stimme für die von ihr erzeugte Störung der teilnahmslosen Fahrgäste durch andere als die eigene Depressivität. Ohmann, was muß man tun wenn sie aufstehen und einem ans Fleisch wollen? Den Kopf einschlagen und das Hirn zerstören. Mein Laptop ist bereit. Ich versuche die Panik zu unterdrücken. "Nächste Haltestelle - Evangelischer Friedhof". Na super, Verstärkung. Denk an was anderes - was macht der Friedhof zwischen den Komponisten? "Nächste Haltestelle - Max-Reger-Strasse". Was macht Reger zwischen Mahler und Brahms? Naja, er ist auch tot, ok. Sie bleiben still sitzen oder steigen ein oder aus, ich fühle mich wieder sicherer. Ein hereinkommener älterer Herr hat Schwierigkeiten mit seiner Gehhilfe, ich helfe ihm und bekomme durchaus freundliche Worte zurück - ist vielleicht alles gar nicht so schlimm?
"Nächste Haltestelle - Hochhäuser". Ah ja, da sind wirklich welche. Nicht wesentlich höher als die restlichen Wohnsilos aber immerhin. Gleiche Farbe, Corporate Identity halt. Marl ist eine Fabrik!
Dafür spricht auch die Gastronomie die ich zu Gesicht bekomme. "American Food Service (AFS)" präsentiert sich die Division 'Hackfleischsurrogat' des Unternehmens Marl, ebenfalls in einer 70er-Tankstellenfassade. Etwas weiter das "Meister Pizza und Döner" - Kombinat. Noch ein 'Plus', und das war es. Noch nicht einmarl eine lokale Business Unit der sonst sehr industriekompatiblen Almost-Food-Ketten mit M oder B. Ich bekomme Angst vor der Kantine das Chemieparks.
"Nächte Haltestelle - Bitterfelder Strasse" spricht die Bus-Stimme von der Couch bzw aus der Gruft. Ok, ist auch kein Grund euphorisch zu werden. Wahrscheinlich eine Städtepartnerschaft aus der Zeit des "Wandel durch Annäherung" - aber wer hat den kalten Krieg eigentlich gewonnen?
Dann taucht das Werk auf. Architektonisch nicht vom Rest der Stadt zu unterscheiden, nur daß hier die Schornsteine rauchen. Und mehr Menschen rumlaufen, offensichtlich zum guten Teil von auswärts gekommen, denn es wird gesprochen. Auch miteinander, nicht nur mit dem Headset. Und die Luft riecht, wie die Häuser weiter hinten aussahen. Der Sprühregen wird durch die Röhrenkomplexe geweht und gewinnt dabei wahrscheinlich mehr Substanz als ich wissen will - aber nach der halbstündigen Busfahrt fühle ich mich jetzt doch ein wenig erleichtert. Mit Freuden gehe ich an die übrigens interessante Arbeit und genieße ein übrigens ganz hervorragendes Mittagessen in der zu Recht berühmten Kantine, denn ich weiß: Wenn ich zum Bahnhof zurückfahre, wird es gnädig dunkel sein. Und gegen die Stimme hilft MP3.