Manchmal passiert es einfach - ein paar Synapsen kommen sich zu nahe, und plötzlich funkt eine Melodie oder ein Riff durch den Kopf. Die nächsten paar Minuten verbringt ein Teil der grauen Masse damit sich zu erinnern, woher denn dieser Fetzen Musik stammt; und an diesem Donnerstag kam das Bild einer längst von einem überalteten Auto-Tapedeck zerfetzten Kassette, die mir vor einer Million Jahren Kumpel Ralph in einem Care-Paket ins bayrische Exil geschickt hatte. Rot beschriftet: Leaf Hound.
An diesem Donnerstag Abend war der Weg zu Amazon nicht weit - die Scheibe ist tatsächlich lieferbar, und schon am Samstag in der Post. Und frisch wieder reingehört.
Die alten Tapes hatten einen gemeinsamen Fehler: Die wenigsten Kulturverbreiter machten sich die Mühe, die Namen der Tracks auf die Inlets zu schreiben. Daher wußte ich nicht, was mich genau auf der CD erwartet - bis auf den gewaltigen Riff des ersten Stückes und den ziemlich eigenwilligen Gesang hatte ich alles vergessen, aber DER RIFF hatte mich ja zwei Tage zuvor an die EinKlickKasse getrieben. Das Cover hatte ich nie zuvor gesehen, und für einen Moment bekam ich Schiß: Das sieht nach schlimmem Hippekrempel aus. Bevor ich es mir noch anders überlege: Play, Player!
Ohne Verzögerung kommt DER RIFF im ersten Stück, Freelance Fiend. Ohmann, ja - wie manisch frisch verliebt, damals wie heute - diese Synapsen waren das am Donnerstag. Schön, wenn eine Erinnerung rund wird. Peter French röhrt los "Well Ive seen a lot of things, girl - but they don't add up to much compared to you" und die ganze Erinnerung an diese Scheibe ist wieder da und das Wissen, daß das Wetter dieses Wochenende ruhig schlecht werden kann.
War da nicht noch der brutalstmögliche Bluessong drauf? Ja genau, Track 4 Work my body. Das ganze Spektrum der zwischengeschlechtlichen Emotionen von "Dont you leave me crying" bis "I'm gonna get even with you!" - glaubhaft moduliert von Frenchs hochengagiertem Gesang, unterlegt mit einer der abwechslungsreicheren und doch dicht am Blues bleibenden Instrumentalpassagen der Musikgeschichte. Stray ist ein durchgehend am Spieß geschrieenes Stück (für Bluesrock-Verhältnisse, nicht nach Death Metal-Maßstäben versteht sich) mit wuchtiger Untermalung durch einen flüssigen Baß und einem Schlagzeug, das in den Vordergrund will. Wo soll man da noch auf einmal hinhören?
Der "Hippie shit"-Verdacht ist schon längst vergessen, da betritt der Tiefpunkt der Scheibe die Lautsprecher: Der Titelsong Growers of Mushrooms ist - nunja, hippie shit. "Loveley hippie shit" wie Pete Townshend bemerkte. Im Nachhinein frage ich mich, ob nicht einige tausend Pflanzenversteher 1971 dieses Album wegen dieses Stückes gekauft und nachher etwas doof aus der Wäsche geguckt haben mögen. Ein schöner Gedanke.
Ist es zu glauben? Die Band war schon zerbrochen, noch bevor das Album erschienen ist. Der Sänger ging zwar später bei Atomic Rooster klanglich etwas unter, ist aber nach wie vor der beste Grund dafür, auch jener Kapelle ein Ohr zu leihen.